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Hellö, Verspätung! - Der neue ÖBB Fernbus im Test

Autor: Jan Gruber.  Veröffentlicht am 18.07.2016

Die ÖBB mischen seit kurzem im Fernbusmarkt mit. ReiseInsider unterzog das neue Angebot einem Praxistest.

Gemütlich kann es im Hellö-Bus zugehen. © Jan Gruber Die Busse tragen Namen wie "Enzian". © Jan Gruber Ein Snackautomat ist eine gute Idee - wenn er funktioniert. © ÖBB Zumtobel Strom im Bus ist heutzutage für viele Reisende wichtig. © Jan Gruber

Am Donnerstag, dem 14. Juli 2016, stiegen die Österreichischen Bundesbahnen mit ihrer Tochter ÖBB-Fernbus GmbH, die unter der Marke „Hellö“ auftritt, in den heiß umkämpfte Fernbusgeschäft ein. „ÖBB on the road“ prangt nicht nur auf jedem Bus, sondern soll die Zugehörigkeit zum heimischen Staatskonzern verdeutlichen.

Während Hauptmitbewerber Flixbus lediglich für den Ticketvertrieb zuständig ist, jedoch die Durchführung der Fahrten Subunternehmern überlässt, gehen die Österreichischen Bundesbahnen einen anderen Weg: Der Eigenbetrieb durch die ÖBB-Postbus GmbH, die im Hinblick auf ihre Rechtsvorgänger das mit Abstand am längsten bestehende Personentransportunternehmen auf heimischen Straßen darstellt, bringt ein bisschen das Feeling einer Staatskarosse, denn die Fahrzeuge sind unter dem BD-Sonderkennzeichen mit Staatsadler auf den Nummerntafeln zugelassen. Davon ausgenommen sind drei Strecken, die aufgrund von Fahrermangel an das in Wien insbesondere als Auftragnehmer der Wiener Linien bekannte Unternehmen Gschwindl vergeben wurden. Die Busse sind zwar baugleich, jedoch tragen sie Wiener Kennzeichen. Gschwindl fährt jedoch ausschließlich auf den Strecken von Wien nach Prag, Berlin und Venedig für den neuen ÖBB-Fernbusbetrieb. Alle anderen Routen werden mit dem Staatsadler auf den Nummerntafeln durch ÖBB-Tochter Postbus durchgeführt.

Offensichtlich ist bereits bei der Buchung, dass die Österreichischen Bundesbahnen mit Hellö eine eher hippe Werbelinie gewählt haben, die sich deutlich von der nüchtern-konservativen Corporate-Identity der ÖBB abhebt. Dennoch will man die Zugehörigkeit zum Konzern nicht verschweigen und bringt an jeder nur erdenklichen Stelle den Zusatz „ÖBB on the road“ an. Dazu erklärten die ÖBB, dass man mit Hellö eine junge, preissensible Zielgruppe ansprechen möchte. Daher bedient man sich auch dem so genannten „Ikea-Deutsch“, was zur Folge hat, dass der Kunde prinzipiell per Du angesprochen wird.

Die Buchung von Fahrscheinen ist grundsätzlich keine große Herausforderung, jedoch war diese zum Zeitpunkt der ReiseInsider-Testbuchungen noch nicht ganz fehlerfrei möglich. Beispielsweise mussten Hin- und Rückfahrt einzeln gebucht werden, da zum Kaufzeitpunkt das Buchungsmenü ansonsten Fehlermeldungen anzeigte, die kaum nachvollziehbar waren. Auch wurde die Destination Triest als Inland erkannt und daher abgelehnt. Hierzu ist erwähnenswert, dass Hellö keine Inlandsfahrten durchführen darf, sondern derzeit lediglich im grenzüberschreitenden Verkehr Dienstleistungen anbieten darf. Ein Sonderfall ist Deutschland, denn aufgrund des liberalisierten Markts dürfen die ÖBB ganz offiziell im innerdeutschen Verkehr Fahrgäste transportieren und somit im hart umkämpften Markt des Nachbarlandes mitmischen.

Ein weiterer Kritikpunkt, der sich in sozialen Medien immer wieder findet ist, dass derzeit die Bezahlung von Fahrkarten online nur mittels Kreditkarte möglich ist. Gerade unter Studenten und jungen Menschen dürften diese jedoch nicht sonderlich verbreitet sein, was für die Österreichischen Bundesbahnen durchaus ein Handicap sein könnte. Bei Buchung in den wenigen ÖBB-Reisebüros fällt pro Fahrschein eine Servicegebühr von sieben Euro an, die das Reisebüro für die Dienstleistung in Rechnung stellt. Sofern noch Plätze frei sind, können jedoch auch ohne Aufpreis direkt beim Busfahrer gegen Bar- oder Kreditkartenzahlung Tickets erworben werden.

In der Einführungsphase gelten die Fernbusfahrkarten auch als ÖBB-Vorteilscard Classic, so dass der Zubringer – beispielsweise zum Wiener Hauptbahnhof – zum Halbpreis möglich ist. An den ÖBB-Kassen oder Automaten genügt die Auswahl der Vorteilscard Classic, während im Internet bereits vor der Auswahl der gewünschten Fahrtstrecke die „virtuelle Vorteilscard“ angegeben werden muss. Die Eingabe einer Kartennummer ist jedoch nicht erforderlich und wird durch das Buchungsmenü auch nicht verlangt. Im Zug wird bei Kontrollen einfach der Fahrschein gemeinsam mit dem Hellö-Busticket vorgewiesen.

ReiseInsider war am ersten Betriebstag der jungen ÖBB-Tochter auf der neuen Verbindung von Wien nach Straßburg über München, Stuttgart und Karlsruhe an Bord. ÖBB-Konzernobrigkeiten schürten im Vorfeld große Erwartungen, jedoch ist es klar, dass auch der größte Staatskonzern keine schwimmenden Whirlpools oder Schwimmbäder mit Rutsche auf die Straßen bringen wird. Dennoch ist erkennbar, dass äußerst viel Herzblut eines jungen Teams, das seitens der Bundesbahnen mit dem Projekt beauftragt wurde, in der Ausstattung der Busse steckt. Beispielsweise ist auf jeder Einstiegstür im vorderen Wagenbereich der Name des Busses angebracht. So wurden diese beispielsweise „Enzian“, „Zirbe“, „Löwenzahn“ oder „Da Achtazwanzga“ getauft, um die heimische Identität zu signalisieren. Da fehlen natürlich auch nicht die im Heckbereich angebrachten stilisierten Österreich-Fahnen.

Eine Überraschung stellt der Innenbereich der aus derzeit 28 baugleichen Mercedes-Benz Tourismo 17 RHD bestehenden Flotte dar. Anstatt der bei Mitbewerbern üblichen Standard-Bestuhlung, kommen edel wirkende Sitze zum Einsatz, deren Bezug in unterschiedlichen, hellen Farbtönen gehalten ist. Die mit einem Lederbezug versehenen Kopfstützen sind höhenverstellbar, was für ein äußerst angenehmes Gefühl sorgt, das während langer Busfahrten sicherlich ein sehr großer Pluspunkt ist. In der letzten Sitzreihe ist abweichend vom Branchenstandard kein Mittelsitz montiert, was durchaus angenehm ist.

Jeder Doppelsitz ist mit einer 230-Volt-Steckdose und einem 5-Volt-USB-Anschluss ausgerüstet, so dass beispielsweise Laptop oder Smartphone während der Fahrt geladen werden können. Ein im Baumarkt erhältlicher Dreifach-Adapter kann ohne Probleme angeschlossen werden, so dass es zu keinem Streit mit dem Sitznachbarn um die Benützung der „Stromtankstelle“ kommt. Dies ist ebenfalls nicht üblich, da oftmals Steckdosen so angebracht sind, dass der Einsatz von Erweiterungen unmöglich gemacht wird. Gerade unter der jungen Zielgruppe sind mehrere Geräte, also beispielsweise Tablet, MP3-Player, Smartphone und Laptop, eher die Regel.

Ein auch im Ausland gut funktionierendes und kostenfreies WLAN sorgt dafür, dass während der Fahrt im Internet gesurft werden kann, aber auch beispielsweise YouTube-Videos zum Zeitvertreib genossen werden können. Es gibt keinerlei Datenbeschränkung, wie sie beispielsweise bei Flixbus und DeinBus.de bei manchen Bussen üblich ist und auch persönliche Daten müssen nicht preisgegeben werden. Der Klick auf das Akzeptieren der AGB genügt vollkommen.

Eigentlich sollte ein gegenüber der Bordtoilette montierter Getränkeautomat für Snacks und Getränke sorgen, jedoch war dieser während der Testfahrt nicht in Betrieb und auch die Busfahrer wussten nicht wie man diesen überhaupt einschaltet. Grundsätzlich akzeptieren diese Automaten ausschließlich Barzahlung mit Euromünzen. Eventuell wäre die Akzeptanz von NFC-Zahlungen durchaus zeitgemäß gewesen, jedoch setzen die ÖBB hier auf das gute, alte Bargeld.

So gut die Hardware war, gab es bei der Testfahrt in Sachen Fahrplantreue kleinere Unpässlichkeiten. So wird die Fahrtdauer zwischen Wien und München zwar mit exakt vier Stunden angegeben*, jedoch traf der Bus mit weit über zwei Stunden Verspätung in Bayerns Hauptstadt ein. Noch kurioser war übrigens, dass die beiden Postbus-Chauffeure den ZOB München nicht fanden und von einem ortskundigen Fahrgast gelotst werden mussten. Am ersten Betriebstag können natürlich Fehler passieren, jedoch sollte das Auffinden der Bushaltestelle durchaus auch am Launching-Day funktionieren.

Ein Sprecher der ÖBB-Fernbus GmbH erklärte dazu auf Anfrage: „Zu den Verspätungen: ab Wien sind wir mit 12 Minuten Verspätung gestartet. In München hatten wir 2 Stunden 8 Minuten Verspätung. Diese massive Verzögerung ist dem Umstand der Grenzkontrollen Richtung Deutschland zu schulden, die leider alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen trifft. Diese Verzögerung konnten wir in Folge leider nicht mehr wett machen.“ Dass zum Zeitpunkt des Grenzübertritts seitens der deutschen Bundespolizei gar keine Grenzkontrolle durchgeführt wurde, dürfte im ÖBB-Haus am Hauptbahnhof bei der Beantwortung offenbar nicht bekannt gewesen sein…

Dennoch werden ÖBB nicht darum herumkommen ihre Fahrpläne auf realistische Verkehrsverhältnisse zu adaptieren, denn wie ein Blick auf die Hellö-Homepage zeigt, sind diese doch sehr mutig kalkuliert und wie das Beispiel der Testfahrt von Wien nach Stuttgart gezeigt hat, auch unter realen, jedoch alltäglichen, Verkehrsbedingungen nicht einhaltbar. Demnach erfolgte die Ankunft am Flughafen Stuttgart mit zwei Stunden und 15 Minuten Verspätung.

Während es im Luftverkehr auf die Ankunftszeit von Reisenden ankommt, ist bei Fernbusfahrten hinsichtlich der Passagierrechte die Abfahrtszeit maßgeblich. Entschädigungen, beispielsweise die Erstattung des Fahrscheins oder eine Ersatzbeförderung, stehen erst bei einer um mindestens zwei Stunden verspäteten Abfahrt zur Verfügung. Für während der Fahrt entstandene Verspätungen gibt es keine Ansprüche. Dies sollte generell bei der Wahl von Fernbussen als Reisemittel berücksichtigt werden.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Einstieg in den Fernbusmarkt der Österreichischen Bundesbahnen mit sehr viel Liebe zum Detail erfolgt und durchaus in Sachen Fahrgastkomfort punktet. Die kostenlose Sitzplatzreservierung ist ein klares Unterscheidungsmerkmal, denn in der Branche ist ansonsten freie Platzwahl üblich und gerade für Gruppenreisende oder Familien mit Kindern unpraktisch. Allerdings sollte man die Erwartungen in Sachen fehlerfreie Homepage und Pünktlichkeit nicht zu hoch schrauben, denn hier muss noch viel nachjustiert werden, um auch in Sachen Zuverlässigkeit eine ernsthafte Alternative zur konzerneigenen Schiene oder dem Flugverkehr zu werden. Dennoch gilt es zu erwähnen, dass die Mitarbeiter der ÖBB-Postbus GmbH vor Ort außerordentlich bemüht sind und den berühmten österreichischen Schmäh nach ganz Europa transportieren und nach dem Aussteigen nette, hilfsbereite Menschen in Erinnerung bleiben. Wenngleich diesen ganz offensichtlich das sichere Fahren von 3-achsigen Reisebussen mehr Spaß macht als die Kontrolle von Fahrscheinen mit Apps und sonstigen technischen Spielereien - hier könnte nochmals nachgeschult werden.

* Nach Erscheinen unseres Artikels wurde die Fahrzeit auf 4:50 Stunden angepasst.

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