hills left
hills right

Zürich, ziemlich anders

Autor: Martin Metzenbauer.  Veröffentlicht am 18.05.2014

Das trendige Viertel Zürich-West passt gar nicht ins klassische Bild der Schweizer Metropole.

Restaurant im "Schiffbau" © Martin Metzenbauer Der "Prime Tower" überragt das Viertel und ganz Zürich. © Martin Metzenbauer Frau Gerolds Bus in Frau Gerolds Garten. © Martin Metzenbauer Das moderne "Sheraton" in Zürich-West. © Martin Metzenbauer "25 hours" in Zürich-West. © Martin Metzenbauer

Wer an Zürich als Destination für einen Wochenendtrip denkt, dem kommen in erster Linie Fixpunkte wie Bahnhofstraße, Lindenhof oder Zürichsee in den Sinn. Dass die größte Stadt der Schweiz auch ganz anders kann, beweist der Stadtteil Zürich West. Statt Beschaulichkeit findet man hier ein hochinteressantes Spannungsfeld aus alter Industrie und modernem Stadtleben.

Vor mehr als hundertzwanzig Jahren begann die Besiedelung des rund eineinhalb Quadratkilometer großen Areals nordwestlich der Limmat - als Industriegebiet. Turbinen, Wasserräder, Schiffe und dergleichen wurden hier gebaut. Neben der Schwerindustrie braute man hier auch Bier, produzierte Seifen und füllte Milch ab.

Ab den 1980er-Jahren schlitterte die Schwerindustrie in die Krise, Fabriken aber auch die riesige Toni-Molkerei schlossen ihre Pforten. Dies markierte gleichzeitig den Beginn neuen Lebens für das Quartier. Am Anfang nutzten Kreative die leerstehenden Hallen, Clubs - wie die legendäre "Dachkantine" - entstanden und Ateliers diverser Richtungen zogen ein.

Von diesem belebenden Kleinklima hat sich Zürich-West noch immer viel behalten, wobei allerdings in der Zwischenzeit die Stadtplaner den Bezirk für sich entdeckt haben. Mit der Eröffnung des "Schiffbau" als Dependance des Schauspielhauses Zürich samt Club und Restaurant in einer ehemaligen Kesselfabrik wurde im Jahr 2000 der eigentliche Startschuss für die radikale Neu- und Umgestaltung des Gebietes gegeben.

Und so entstanden in der Umgebung neue Wohnungen, Büros, Freiräume wie der Turbinenplatz und vor allem auch jede Menge Clubs, Restaurants und Kneipen in unkomplizierter Nachbarschaft. Neben den mit neuem Leben versehenen Industrieanlagen wie das "Puls 5"-Einkaufszentrum in einer ehemaligen Gießerei kommt aber auch die moderne Architektur nicht zu kurz. So wurde der höchste Büroturm der Schweiz, der "Prime Tower" im Quartier errichtet. Aber auch interessante neue Hotelprojekte wie das "25 hours" oder das "Sheraton" entstanden hier und laden zur Übernachtung vor Ort ein.

Neben den umgebauten alten und den neuen Gebäuden findet man auch in den Zwischenräumen und Brachen interessante Einrichtungen. Eine davon ist "Frau Gerolds Garten", ein Mittelding zwischen Restaurant, Nutzgarten und einer Ansammlung kleiner Shops. Allerdings mit Ablaufdatum - diese verkehrsgünstige Fläche wurde nur bis 2017 vermietet. Direkt benachbart ragt ein Turm aus 17 ausgedienten Schiffscontainern in die Höhe. Diese beherbergen 1.600 Taschen und Accesoires des Labels "Freitag".

Dass in einem solchen Gebiet, das sich im Umbruch befindet, nicht immer alles friktionsfrei verläuft, beweist das "Nagelhaus" unweit des Hochhauses in dem das "Renaissance"-Hotel beheimatet ist. "Resistance" steht auf dem kleinen, alten, etwas verfallen wirkenden Gebäude, das eigentlich einer Zufahrtsstraße zum Hotel weichen sollte. Die Bewohner wehrten sich - vorerst - erfolgreich gegen die Delogierung. Daher müssen die Gäste des Luxushotels einen kleinen Umweg machen und können nicht ganz so standesgemäß vorfahren.

Spannend ist es also allemal, was man heute in diesem Viertel findet und wie es sich weiter entwickeln wird. Das Miteinander von Industrie - auch die gibt es hier heute noch, wie gelegentlich auf Straßenniveau durchfahrende Güterzüge beweisen - und anderen Arbeits-, Wohn-, Freizeit- sowie Kultureinrichtungen lässt jedenfalls ein spannendes Lebensgefühl entstehen, das im Gegensatz zum "klassischen" Zürich steht, das man so gemeinhin zu kennen glaubt.

Einen Besuch ist Zürich-West also auf jeden Fall wert. Und wer genug von so viel hochspannungsgeladener Urbanität hat, der kann in ein paar Minuten dank einer neu errichteten Tram das gute, alte Stadtzentrum erreichen.

Connect

FacebookTwitterRSS