In unserer Interview-Serie Check-In spricht ReiseInsider mit Persönlichkeiten aus der Reisebranche. Unser heutiger Gesprächspartner ist Thomas Posch, Geschäftsführer des privaten Bahnunternehmens Westbahn.
ReiseInsider: Kannst Du mir etwas zur Privatperson Thomas Posch erzählen?
Thomas Posch: Ich bin ein waschechter Niederösterreicher, der 1973 in Mistelbach geboren wurde. Groß geworden bin ich südlich von Wien in Perchtoldsdorf. Seit bald 30 Jahren lebe ich in Mödling. Ich bin liiert und habe einen 16-jährigen Sohn, der, wenn es nach ihm geht, einmal Profifußballer wird.
Hatte der Vater auch die Ambitionen, Profifußballer zu werden?
Ich habe es nie wie mein Sohn in einen Verein geschafft, mehr als die Schülerliga war nicht drin. Dafür bin ich schon seit meiner Kindheit Rapid-Fan. Als ich in meiner Jugend einmal nach Hause zu meinem Vater kam und erklärte, dass ich ab jetzt Austria-Fan sein werde, hat er nur trocken gemeint: „Wenn schon, dann wirst du Rapidler.“ (Lacht)
Wir kennen uns jetzt schon seit mehr als 30 Jahren durch unser gemeinsames Hobby. Erzähle den Lesern doch, was Du in deiner Freizeit machst.
Ich bin in die Luftfahrt verliebt und fotografiere seit nunmehr 43 Jahren leidenschaftlich Flugzeuge auf den Flughäfen dieser Welt. Das ist sicherlich kein alltägliches Hobby, das uns verbindet. Als ich jung war, wollte ich sogar Pilot werden!
Warum kam es nicht dazu?
Als ich in der Schule war, so mit 16 Jahren, wollte ich unbedingt Pilot werden. Nachdem die AUA aber strenge Vorschriften für Brillenträger hatte, hat sich der Traum auch schnell wieder erledigt. Ich begann dann später, Raumplanung mit dem Schwerpunkt Verkehrsplanung zu studieren, und habe damit geliebäugelt, vielleicht in der landseitigen Ausbauplanung am Flughafen Wien unterzukommen, was aber auch nicht funktioniert hat.
Und wie ging es dann weiter mit Deiner beruflichen Karriere?
Nach meinem Studium ging ich 1997 direkt zur ÖBB. Ich habe dann 15 Jahre lang zuerst in der Infrastruktur und später im Personenverkehr gearbeitet, wo ich an der Fahrplangestaltung des Railjet-Verkehrs und auch am Ausbau der Nachtzugsverbindungen mitgewirkt habe.
Anfang 2011 bin ich dann zur Bahnallianz „Railteam“ gewechselt, einem Zusammenschluss der damals führenden europäischen Bahnunternehmen, ähnlich den Luftfahrtallianzen. Ich bin dann eineinhalb Jahre zwischen Wien und Amsterdam gependelt, habe aber schließlich beschlossen, dass der Job keine Zukunftsperspektive für mich bietet. Nach einer kurzen Unterbrechung bin ich im Juni 2013 zur Westbahn gekommen.
Die Entwicklung der Westbahn ist seitdem zu einem „Baby“ für dich geworden?
Ja, natürlich, wobei ich ja nicht von Anfang an dabei war und es heute Kollegen bei der Westbahn gibt, die dieses Projekt von Beginn an begleiten. Ich bin im Prinzip nach eineinhalb Jahren Betrieb zum Unternehmen gestoßen, das damals in einer sehr schwierigen Phase war und ums Überleben gekämpft hat.
Das hatte verschiedene Gründe: Man hatte zu Beginn zu optimistische Annahmen bezüglich der Auslastungen getroffen und war zu schnell gewachsen, bis wir uns im Jahr 2020 mit einem verkleinerten Angebot neu aufgestellt hatten. Dann kam die COVID-Pandemie und wir durchlebten eineinhalb sehr schwierige Jahre.
Als COVID schließlich abklang und das Klimaticket eingeführt wurde verbesserten sich die Rahmenbedingungen beträchtlich. Anfang 2022 wurde in die Geschäftsführung der Westbahn sowie in den Vorstand der Muttergesellschaft Railholding berufen.
Wo siehst Du die Westbahn in zehn Jahren?
Wir sind heute schon ein unverzichtbarer Teil des Schienenverkehrs in Österreich. In zehn Jahren sehe ich uns im Fernverkehr als einen der wesentlichen Player in Österreich, Deutschland und Ungarn. Unser Plan ist es nämlich, mittelfristig auch in Ungarn Fuß zu fassen und vielleicht sogar durch Kooperationen in anderen Ländern tätig zu werden. Wir haben schon jetzt konkrete Pläne bis Anfang des nächsten Jahrzehnts, wobei eine Verdoppelung unseres heutigen Angebots vorgesehen ist.
Und regional betrachtet?
Mittelfristig sehen wir uns auch im Nahverkehr als einen verlässlichen Partner. Bis heute werden die Aufträge für die Nahverkehrsdienste in Österreich zu 100 Prozent direkt und ohne Ausschreibung vom österreichischen Staat an die ÖBB vergeben. Wenn man von dieser Praxis abkommt, würde es erstmals auch hier zu einem Wettbewerb unter den Anbietern kommen, wie derzeit schon im Busverkehr. Das würde auch die Qualität steigern. Ein Regionalverkehr wird sich wahrscheinlich nie rechnen, aber wenn ich eine bestimmte Strecke mit einem bestimmten Produkt ausschreibe, könnten viele Millionen Euro an Steuergeld eingespart werden.
Man muss sich vorstellen: Bislang muss jedes Ministerium die Anschaffung eines Kugelschreibers oder Schreibtischsessels öffentlich ausschreiben. Doch wenn 1,7 Milliarden Euro pro Jahr für die Subventionierung der Verkehrsleistung auf der Schiene (nicht der Infrastruktur) ausgegeben werden, dann nicht?
Machen wir eine hypothetische Rechnung: Irgendjemand anderer - das muss gar nicht die Westbahn sein - bietet die gleiche Serviceleistung um 10 Prozent günstiger als die ÖBB an. So könnten allein hier 170 Millionen Euro pro Jahr eingespart werden. Mit diesem Geld könnte man in strukturschwachen Räumen wieder den Regionalverkehr fördern.
Wie viele Passagiere reisen derzeit jährlich mit der Westbahn, und wie hat sich das Unternehmen in den letzten Jahren entwickelt?
Heuer werden wir die Marke von 10 Millionen Passagieren überschreiten! Zum Vergleich: Im Jahr 2023 hatten wir noch rund sechs Millionen Fahrgäste befördert. Bei den Bahnkilometern haben wir uns in diesem Zeitraum verdoppelt. Bei der Flotte hatten wir im Herbst 2021 acht Züge, heute sind es 22. Eine interessante Zahl ist auch die Entwicklung beim Personal: Nach COVID hatten wir knapp 200 Mitarbeitende, inzwischen arbeiten 550 Kolleginnen und Kollegen bei der Westbahn.
Hat die Westbahn eigentlich einen anderen Zugang zu den Zugreisenden? Seid ihr die Ryanair der Schiene?
Nein, wir sind nicht die Ryanair der Schiene! Die Frage finde ich aber interessant: Warum sind wir nicht die Ryanair, und warum waren wir dies vielleicht zu Beginn ein wenig?
Die Westbahn ist mit der klaren Ansage angetreten: Wir sind günstiger. Wenn man so möchte, haben wir als Billiganbieter wie Ryanair begonnen. Später haben wir jedoch festgestellt, dass es allein gar nicht so entscheidend ist, billig zu sein. Viel entscheidender ist die Qualität des Produkts und die Herzlichkeit der Mitarbeitenden. Ich spreche dabei nicht von Freundlichkeit, die vorgeschrieben werden kann. Es muss eine Herzlichkeit und Freude am Umgang mit Menschen bei unseren Stewardessen und Stewards vorhanden sein, um bei uns aufgenommen zu werden.
Wir haben hier von Beginn an klar auf ein personalintensives Servicekonzept mit unseren Westbahn-Stewardessen und -Stewards gesetzt. Übrigens könnten unsere Züge gesetzlich auch ganz ohne Begleitung, wie im Nahverkehr, betrieben werden. Das heißt umgekehrt, dass unsere Mitarbeiter keine betrieblichen Aufgaben im Zug haben, sondern sich ganz auf das Wohl der Fahrgäste konzentrieren können.
Aber ihr habt Innovationen aus der Luftfahrt übernommen?
Die Westbahn verfolgte von Beginn an den Ansatz, keine neue Eisenbahn zu sein, sondern vieles aus dem Luftfahrtsektor zu übernehmen. So arbeiten bei uns beispielsweise die zuvor genannten Stewardessen und Stewards und nicht Zugbegleiter. Und auch wenn es banal klingen mag: Die Sitzplatznummerierung entspricht ebenfalls jener aus der Luftfahrt. Auch die einfache Bedienung unserer Website orientiert sich vielfach an jener der Airlines. Mit unserem Relax-Check-in können Passagiere zudem in einem Sammelsystem Punkte sammeln, die sie unkompliziert für Tickets oder Gratisgetränke an Bord einlösen können.
Wie schwer war es, WLAN an Bord einzuführen?
Wir waren die Ersten, die WLAN an Bord angeboten haben. Im Railjet war das bis dahin nicht möglich. Als es dann bei der Westbahn eingeführt wurde, ging es plötzlich auch bei der ÖBB.
Auf deinem LinkedIn-Account steht der Spruch: „Es gibt kein ‚zu früh‘, wenn es sich gut anfühlt. Es gibt nur ein ‚zu spät‘, wenn man zu lange wartet.“ Was willst du uns damit sagen?
Vor Kurzem bin ich darüber gestolpert, dass ich vor zehn Jahren auf LinkedIn diesen Spruch verwendet habe. Aus heutiger Sicht kann ich es nur so interpretieren, dass man einen gewissen Mut haben sollte, seinen Weg zu gehen. Für unsere Streckenerweiterungen war dies vielleicht auch in den vergangenen Jahren das Credo: Wir haben gesagt, versuchen wir es einmal mit überschaubarem Risiko. Man kann die Dinge vorher immer zu kalkulieren versuchen, und doch wird man vorab nie sicher wissen, ob etwas funktioniert oder nicht. Du musst es einfach ausprobieren!
Eine weitere Aussage von Dir in einem Interview war der Satz: „Österreich braucht wieder seinen Pioniergeist, damit wir wieder Vorreiter werden.“ Ist dieser in Österreich verloren gegangen?
Ich spreche jetzt vom Bahnverkehr: Ich glaube, wir haben ein bisschen diese österreichische Schulterklopf-Mentalität, dass alles passt und gut ist. Gerade bei Branchentreffen erzählt man sich unter den verantwortlichen Entscheidungsträgern leider viel zu oft, wie gut alles läuft.
Ich bin hier aber ganz anderer Meinung: Die Bahnqualität in Österreich ist zwar besser als in Deutschland, aber sie ist bei Weitem nicht dort, wo man sagen könnte, dass sie die Kundenzufriedenheit erfüllt. Ich sehe es als Aufgabe, Begeisterung für das Bahnfahren zu schaffen.
Mich stört auch immer wenn ich höre, dass man über verkehrspolitische Zwangsmaßnahmen nachdenkt, um die Menschen vom Auto in die Bahn zu verdrängen. Das Gleiche gilt übrigens auch für das Flugzeug, wo man mit zusätzlichen Abgaben das Fliegen unattraktiv machen möchte.
Ich sage: Nein, das ist der völlig falsche Weg! Ich muss dafür sorgen, dass die Bahn attraktiver und verlässlicher wird, damit der Kunde sagt: „Ich will mit der Bahn fahren“ und nicht: „Ich muss!“ Das ist meine Vision, doch davon sind wir noch weit entfernt.
In jedem meiner Interviews stelle ich Die gleiche Anfangs- wie Schlussfrage. Gibt es eine Lieblingsdestination, zu der es dich immer wieder hinzieht? Wo verbringst du deine Urlaube?
Das eine „Lieblingsplatzerl“ habe ich nicht. Historisch gesehen war Florida, speziell Miami, vermutlich eines meiner liebsten Urlaubsziele, denn die Flughäfen bieten dort besonders viel interessanten Verkehr zum Fotografieren. Meine Lieblingsregion ist die Karibik. Im Februar geht es mit meiner Partnerin wieder nach St. Maarten und weiter nach Curaçao. Meine Urlaubsdestination wird aber definitiv immer danach ausgewählt, ob es dort auch einen interessanten Flughafen gibt, wobei es ein großer Vorteil ist, dass meine Partnerin dem gleichen Hobby frönt wie ich.










