In unserer neuen Interviewserie Check-in - das ReiseInsider-Interview sprechen wir mit Persönlichkeiten aus der Reisebranche. Dabei geht es nicht nur um fachliche Themen - auch die persönliche Seite unserer Gesprächspartner soll nicht zu kurz kommen. Zum Auftakt ist Andrea Colonnelli zu Gast. Der gebürtige Römer leitet seit 2018 das Wiener Büro der Italienischen Zentrale für Tourismus ENIT.
ReiseInsider: Kannst Du mir etwas zur Privatperson Andrea Colonnelli erzählen?
Andrea Colonnelli: Ich komme ursprünglich aus Rom, dort bin ich aufgewachsen und habe mein Abitur gemacht. Im Jahr 1989 habe ich meine Familie, die teilweise schon in Deutschland gelebt hat, während des Sommers besucht. Ich hatte eigentlich vor, für nur ein bis zwei Monate zu bleiben, doch ich habe mich in Deutschland verliebt und so habe ich mich dazu entschieden, zu bleiben und im Familienunternehmen meines Onkels mitzuarbeiten. Als ich nach Deutschland kam, konnte ich gerade ein paar wenige deutsche Wörter sprechen. Ich habe dann einen dreimonatigen Intensivkurs besucht und bin abends mit Freunden viel unterwegs gewesen, wodurch ich natürlich viel dazugelernt habe.
Was machst du in Deiner Freizeit, gibt es ein besonderes Hobby?
Da ich beruflich viel unterwegs bin, versuche ich, mit meiner Frau und meinem elfjährigen Sohn möglichst viel Zeit zu verbringen. Meinem Sohn versuche ich natürlich, so oft wie möglich die italienische Kultur und Sprache näherzubringen. Ich liebe es, kulturelle Veranstaltungen wie Ausstellungen und Konzerte zu besuchen, und natürlich bin ich wie viele Italiener auch ein leidenschaftlicher Fußballfan (AS Roma).
Und wie sieht es mit Deiner Ferrari-Sammlung aus?
(Lacht) Dafür hat leider das Gehalt nie gereicht, aber ich liebe es natürlich auch, viel mit meiner Familie durch Italien zu reisen.
Als Italiener: Welche Eigenschaften liebst Du an den Österreichern und welche eher nicht?
Ich finde, dass die Österreicher den Italienern in vielen Dingen sehr ähnlich sind. Die Österreicher lieben das Leben und genießen auch gerne wie die Italiener das „Dolce Vita“-Gefühl – im Vergleich dazu sind die Deutschen viel ernster. Ich möchte jetzt nicht übertrieben höflich erscheinen, aber negative Eigenschaften würden mir jetzt keine einfallen.
Wie bist Du in die Reisebranche gekommen?
Nach einigen Jahren im Unternehmen meines Onkels wollte ich etwas Neues machen, und nachdem ich auch immer schon gerne gereist bin, habe ich einfach eine Spontanbewerbung bei der italienischen Fluggesellschaft Alitalia in Frankfurt abgegeben. Sie haben mir dann geantwortet, dass sie derzeit keine offenen Stellen für mich hätten, aber bei der Italienischen Zentrale für Tourismus wäre gerade eine Stelle frei. Ich habe mich dann beworben und wurde auch genommen. Wenn man so möchte, könnte man auch sagen: „Meine Karriere verdanke ich der Alitalia.“
Wie ging dann Deine Karriere bei ENIT weiter?
Ich habe dann in Frankfurt bei ENIT achtzehn Jahre verbracht, inzwischen hatte ich aber auf einer Dienstreise mit Dertour meine österreichische Frau kennengelernt. Nach einer 3-jährigen Fernbeziehung im Jahr 2010 habe mich entschieden nach Wien zu ziehen und habe bei ENIT Wien meine Tätigkeit begonnen. Im Jahr 2018 wurde ich dann zum Büroleiter der österreichischen Außenstelle ernannt.
Was genau sind die Aufgaben Deines Büros in Wien?
Unsere Aufgabe ist es, die Urlaubsdestination Italien in Österreich noch bekannter zu machen. Bereits jetzt kennen viele Österreicher Italien, doch es gibt noch viele Regionen im Süden Italiens, die nicht so bekannt sind. Hier gibt es noch viel Potenzial. Wir organisieren von unserem Büro aus Pressereisen, bringen die Touroperator mit den lokalen Anbietern zusammen, machen Workshops und natürlich Italien-Werbung auf allen Kanälen.
Für welche Märkte ist das Wiener ENIT-Büro sonst noch zuständig?
Unser fünfköpfiges Team in Wien ist neben Österreich auch für die Märkte Schweiz, Ungarn, Slowakei, Slowenien, Rumänien und Bulgarien zuständig.
In Zahlen ausgedrückt: Wie viele Österreicher reisen jedes Jahr nach Italien?
Die letzten Zahlen stammen noch aus dem Jahr 2025, und da haben 3,2 Millionen Österreicher Italien besucht und dabei 11,3 Millionen Übernachtungen getätigt. Das entspricht einem Plus bei den Ankünften von 8,7 Prozent und bei den Übernachtungen von 8,2 Prozent.
Und was ist des Österreichers liebstes Reiseziel in Italien?
Italien ist immer noch das beliebteste Reiseland der Österreicher. Die beliebteste Region ist die oberitalienische Region Veneto, also die Region zwischen Venedig, Vicenza und Verona bis zu den Badeorten an der Adria wie Jesolo oder Bibione. Friaul folgt als zweitbeliebteste Region. Unsere Aufgabe ist es aber auch, die Österreicher von einem Besuch der südlicheren Regionen zu überzeugen, denn Italien hat noch viel mehr zu bieten.
Mit welchem Verkehrsmittel reisen die Österreicher nach Italien?
Ich habe hier keine genauen Zahlen, aber rund 70 Prozent der Österreicher fahren mit dem Auto nach Italien und der Rest mit dem Flugzeug und der Bahn.
Würdest Du der Aussage zustimmen, dass die Billigfluglinien einen großen Anteil am Erfolg der Destination Italien haben?
Ganz bestimmt! Gerade die Billigfluglinien tragen ganz viel dazu bei, dass die süditalienischen Destinationen wie etwa Neapel oder Catania bekannter werden. Die Zahl der angebotenen Flüge ab Wien nach Palermo, Bari, Salerno oder Lamezia Terme hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Erreichbarkeit von süditalienischen Destinationen ist dadurch viel einfacher geworden.
Overtourism ist inzwischen auch ein Thema in Italien. Übervolle Städte, limitierte Zugänge zu Stränden und vieles mehr haben die Italienberichterstattung des Sommers geprägt. Wie kann man dieses Problem bewältigen?
Indem man die Touristen, wie zuvor angesprochen, in Regionen führt, die sie bis jetzt nicht so kannten. Wir versuchen als ENIT, die zahlreichen Urlaubsoptionen in Italien, abseits von Rom, Venedig oder sonstigen Touristenhotspots, aufzuzeigen und zu bewerben.
Welche Urlaubsregionen würdest Du unseren Lesern empfehlen, wo ist Italien deiner Meinung nach noch authentisch und bezahlbar?
Sizilien und Apulien sind zwei wirklich sehr schöne Destinationen, die ganzjährig besucht werden können. Fast das ganze Jahr hindurch gibt es hier Schönwetter. Im vergangenen Jahr sind in Sizilien die Menschen im Dezember noch ins Meer baden gegangen. Diese Orte sind nicht nur authentisch, sondern auch bezahlbar.
Kann „Set-Jetting“, also der Besuch von Drehorten großer Filmproduktionen, dabei helfen, weniger bekannte Regionen noch bekannter zu machen?
Davon bin ich sogar überzeugt! Im letzten Jahr war ich mit meiner Frau erstmals in Matera, wo der letzte James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ gedreht wurde. Nicht nur meine Frau war begeistert, sondern auch die Leute in Matera haben mir bestätigt, dass nach Ausstrahlung des Films viel mehr Europäer und Amerikaner in die Stadt kamen. Der im Sommer 2026 erschienene Film „Odyssey“ mit Matt Damon wurde zuletzt auf der kleinen Insel Favignana vor der Küste Siziliens gedreht, und die Region wird touristisch davon wohl auch profitieren.
Der Österreicher und sein Italien-Urlaub sind eine touristische Liebe, die wohl schon auf die 50er-Jahre zurückgeht. Warum glaubst Du, fahren die Österreicher so gerne nach Italien?
Weil in Italien der Österreicher alles findet, was glücklich macht: Sonne, Essen, Meer, Berge, alte Städte, Geschichte, schönes Design, schnelle Sportwagen und schöne Menschen. Ich denke, damit ist auch schon aufgezählt, weshalb man seinen Urlaub in Italien verbringen sollte.
Der italienische Tourismusminister Gianmarco Mazzi hat vor wenigen Tagen von einem Rekordsommer in Bezug auf die Nächtigungen gesprochen. Wie zufrieden bist du mit der Nachfrage aus deinen Märkten?
Sehr zufrieden, denn wie bereits zuvor erwähnt, steigen die Zahlen kontinuierlich! Ganz Italien boomt derzeit, wie man an den neuesten Nächtigungszahlen für Juni, Juli und August (72,4 Millionen Ankünfte und 276 Millionen Übernachtungen) gesehen hat.
Wie hat die Covid-Pandemie das Reiseverhalten der Italienurlauber verändert?
Wir haben festgestellt, dass die Urlauber pro Aufenthalt zwar kürzer bleiben, dafür aber öfter nach Italien reisen. Die Menschen besuchen heute mehr Ziele, möchten dabei viel erleben und nicht nur an einem Ort ihre Zeit verbringen. Italien ist ein sicheres Reiseland, und dies hat sich gerade während der Covid-Pandemie gezeigt, als die Österreicher wieder nach Italien reisten, weil sie wussten, dass man auch wieder sehr schnell zu Hause ist.
Eine abschließende Frage, die mich brennend interessiert, ist: Wo verbringt Andrea Colonnelli eigentlich selbst am liebsten seinen Urlaub in Italien?
Ich persönlich fahre sehr oft im Sommer in die Toskana, weil meine Familie dort eine Ferienwohnung besitzt. Wir verreisen sehr gerne als Familie, und ich möchte meiner Frau und meinem Sohn bei diesen Reisen auch gerne neue Orte in Italien näherbringen. Vor drei Jahren haben wir eine Kampanien-Rundreise gemacht mit Stopps in Amalfi, Capri und Neapel, wo wir viel Neues entdeckt haben. Zuletzt waren wir in Apulien, und eine weitere Reise nach Sizilien ist bereits in Planung.







