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Interview: Abschied von der Boeing 767 bei Austrian Airlines

Erstellt von Martin Dichler.  Veröffentlicht am 02.11.2026

Langstrecken-Flottenchef Michael Umgeher über das Ende einer Ära.

Michael Umgeher, Flottenchef Langstrecke bei Austrian Airlines. © Martin DichlerDie Boeing 767 flog einige Jahrzehnte für Lauda Air bzw. Austrian. © Martin Dichler

Wer in den vergangenen knapp vier Jahrzehnten mit Lauda Air oder Austrian Airlines ab Wien auf die Langstrecke geflogen ist, hatte gute Chancen, an Bord einer Boeing 767 zu sitzen. Erstmals kam der zweistrahlige Langstreckenjet 1988 bei Lauda Air zum Einsatz, nach deren Übernahme dann auch bei Austrian Airlines.

Im Laufe der Jahrzehnte waren zahlreiche Flugzeuge dieses Typs für Lauda Air und Austrian Airlines unterwegs. Noch 2020 hatte die AUA sechs Boeing 767 in ihrer Flotte. Seit 2021 wird der Flugzeugtyp schrittweise ausgemustert und seit 2024 sukzessive von der deutlich moderneren und vor allem treibstoffeffizienteren Boeing 787 Dreamliner (hier deren Premium Economy Class im ReiseInsider-Test) abgelöst. Die letzte der vebliebenen zwei Flugzeuge wird noch im Dezember 2026 in Pension geschickt.

Vielen Passagieren wird die Boeing 767 wohl in positiver Erinnerung bleiben. Schließlich bildete sie über viele Jahre gemeinsam mit der etwas größeren Boeing 777 das Rückgrat der Austrian-Langstreckenflotte. Für unzählige Reisende begann an Bord einer dieser Maschinen der Urlaub in einem fernen Land. Doch auch viele Pilotinnen und Piloten haben den Jet ins Herz geschlossen. Einer von ihnen ist Michael Umgeher, der heutige Langstrecken-Flottenchef von Austrian Airlines. Bei ihm schwingt "viel Wehmut" mit, wenn er an die bevorstehende Ausflottung denkt.

Das ist wenig verwunderlich: Umgeher hat rund 14.000 Flugstunden im Cockpit der Boeing 767 verbracht und den Flugzeugtyp über mehr als zwei Jahrzehnte als Copilot, Kapitän und Fluglehrer begleitet. Im Gespräch mit ReiseInsider erzählt er von außergewöhnlichen Flugzielen, den Besonderheiten der Boeing 767 und den emotionalen Momenten beim Abschied von einem Flugzeug, das seine berufliche Laufbahn maßgeblich geprägt hat. Außerdem spricht er mit Martin Dichler über die letzten Flüge der 767, ihre Überstellung nach Arizona und seine eigene bevorstehende Umschulung auf den Dreamliner.

Im Gespräch: AUA Langstrecken-Flottenchef Michael Umgeher

ReiseInsider: Können Sie mir einen kurzen Einblick in Ihre Person und Pilotenkarriere geben?

Michael Umgeher: Mein Interesse an der Luftfahrt hat bereits mit 13 Jahren nach meinem ersten Flug begonnen. In der Unterstufe habe ich dann beschlossen, Pilot zu werden. Nach meiner Zeit beim Bundesheer bin ich für zwei Jahre in die Staaten gegangen, um meinen Pilotenschein zu machen. In weiterer Folge blieb ich in den USA und arbeitete als Fluglehrer, bis ich im März 1996 wieder nach Österreich zurückgekommen bin, wo sich bald die Möglichkeit ergab, bei Lauda Air als Copilot zu beginnen.

Im März 1997 habe ich dann begonnen, auf einem Bombardier Canadair Regional Jet auf Europastrecken zu fliegen. Das war der Moment, in dem ich mir erstmals gedacht habe, dass ich nun für etwas bezahlt werde, was mir Spaß macht!

Wie kam es dazu, dass Sie später Boeing-767-Pilot wurden?

Nach zwei Jahren als Copilot auf dem Regional Jet bei Lauda gab es eine interne Ausschreibung für die Boeing 767, auf die ich mich beworben habe. Zwischen 1999 und 2001 habe ich dann als Copilot gearbeitet. Das war wahrscheinlich auch die entspannteste Zeit in meinem jungen Pilotenleben mit mehrtägigen Zwischenstopps an Traumdestinationen wie Australien oder der Karibik.

Ich wusste aber auch, dass ich, um Kapitän auf der Langstrecke zu werden, zuvor noch Kapitän auf der Kurzstrecke werden musste, weshalb ich kurz vor 9/11 wieder in den Europaverkehr auf dem Regional Jet zurückkehrte. Vor 23 Jahren, gegen Ende 2003, wechselte ich dann als Kapitän auf den linken Sitz der Boeing 767.

Wenn Sie an die vielen Jahre zurückdenken: Wie viel Wehmut schwingt für Sie persönlich beim Abschied von der 767 mit?

Sehr viel! Ich habe im Jahr 2021 die erste der ehemals sechs Boeing 767 in die Wüste geflogen. Das war noch weit entfernt von der endgültigen Ausflottung des Flugzeugtyps bei der AUA, und trotzdem hat keiner unserer Crews schon damals mit trockenen Augen das Cockpit verlassen. Es tut halt ein wenig weh, wenn du ein Flugzeug, das technisch und auch in der Kabine in einem Topzustand ist, in die Wüste stellst.

Es ist deshalb schon viel Wehmut in so einem Moment wie jetzt dabei, denn es sind 38 Jahre österreichische Luftfahrtgeschichte, die mit der Boeing 767 ein Ende finden. Da hängen sehr viele persönliche Erinnerungen dran.

Gab es besondere 767-Flüge oder Strecken, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?

Da waren bei Lauda Air Flüge nach Australien, Hongkong und Bangkok, mit oftmals mehrtägigen Stopps in der Karibik und auf den Seychellen, oder die Anflüge auf anspruchsvolle Flughäfen wie den in Kathmandu. Wir sind fast alle Inseln der Karibik angeflogen, sind für ein Schweizer Reiseunternehmen über Zürich nach Brasilien geflogen oder waren auch im Kurzstreckenchartergeschäft ab Wien oder Innsbruck auf die Kanaren, nach Ägypten oder Griechenland unterwegs. Die damalige Abwechslung bei den Destinationen war großartig für mich als jungen Piloten!

Haben Sie schon einmal nachgerechnet, wie viel Zeit Ihres Lebens Sie schon im Cockpit der Boeing 767 verbracht haben?

Insgesamt bin ich schon rund 18.000 Stunden geflogen. Davon bin ich rund 14.000 Stunden (Anmerkung der Redaktion: entspricht rund 583 Tagen) auf der Boeing 767 geflogen, wobei es in den letzten sechs Jahren leider nur noch rund 1.400 Flugstunden waren. Zusätzlich kamen noch viele Stunden im Flugsimulator oder als Fluglehrer im 767-Cockpit hinzu. Ich habe aber in diesen Funktionen nicht immer die Stunden mitgeschrieben, weshalb es sicherlich weit mehr als 14.000 Flugstunden waren.

Die Frage mag zwar banal klingen, aber wie hat sich die Boeing 767 geflogen?

Wenn man sie mit anderen Flugzeugen, die wir heute betreiben, vergleicht, so war sie ein anspruchsvolles Flugzeug, weil es einfach viel weniger Unterstützung beim Fliegen durch die Computer gegeben hat. Man musste mehr manuell fliegen, was auch mehr Konzentration erforderte. Die 767 war einerseits leicht durchschaubar, gleichzeitig aber auch anspruchsvoll zu fliegen!

Sie waren aber die ganzen Jahre über weit mehr als nur ein Pilot auf der 767?

Ich habe inzwischen sehr viel Erfahrung mit dem Flugzeugtyp: Seit 2016 bin ich Fluglehrer für die Boeing 767. Kurz vor Corona wurde ich dann 767 Fleet Captain, danach Cheffluglehrer, und seit dem vergangenen Jahr bin ich der verantwortliche Flottenchef der gesamten Austrian-Langstrecke (Boeing 767/777/787).

Was genau ist Ihre Aufgabe als Langstreckenflottenchef?

Diese beinhaltet viel administrative Arbeit und manchmal leider zu wenige Flugstunden! (Lacht.) Aktuell gibt es eine ganze Menge an Themen, die mich als Langstreckenflottenchef beschäftigen, wie die aktuelle Ausflottung der Boeing 767 oder die Eingliederung der neuen Boeing 787 Dreamliner. Es geht um Themen wie einen effizienten und vor allem sicheren Flugbetrieb, die Koordination und Zusammenarbeit mit der Safety- und Schulungsabteilung, in der unsere Kollegen regelmäßig ihre Qualifikationen für die jeweiligen Flugzeugtypen erwerben, und vieles mehr.

Wie viele Piloten fliegen bei der AUA und wie viele davon auf der Langstrecke?

Aktuell arbeiten etwas mehr als 1.000 Kollegen als Piloten bei Austrian Airlines, und auf der Langstrecke sind es rund 300.

Die letzten beiden Boeing 767 stehen noch bis zum 1. Dezember auf der Wien-Washington-Route im Einsatz. Wie viele Kollegen verfügen noch über die Lizenz, den Flugzeugtyp zu fliegen?

Das ändert sich bei uns wöchentlich! Aktuell sind es ungefähr 30. Nächste Woche beginnt der nächste 787-Kurs, weshalb sich die Zahl ständig verändert. Bis Ende des Monats werden es noch rund 13 Boeing-767-Piloten und -Kopiloten sein.

Lauda Air war 1987 der europäische Erstkunde, Austrian Airlines im Jahr 2026 der letzte europäische Betreiber der Boeing 767. Warum hat Ihrer Meinung nach das Flugzeug so lange in der AUA-Flotte überlebt?

Die Boeing 767 war ein sehr zuverlässiges Flugzeug, nicht zu groß, um damit neue Strecken aufzubauen, und hinsichtlich der Reichweite sehr effizient. Vor allem hat die 767 nur zwei Triebwerke. Die Airbus A340, die bis 2007 geflogen sind, hatten noch vier Triebwerke. Schon deshalb war damals klar, dass das Airbus-Modell kein Zukunftsmodell in der AUA-Flotte sein würde und der 767 bzw. 777 bei der Vereinheitlichung der Flotte der Vorzug gegeben wurde.

Ich kann mich aber auch erinnern, dass bereits im Jahr 2011 erste Gerüchte aufkamen, dass zwei Boeing 767 schon bald das Unternehmen verlassen würden. Ein Jahr später hatten die Maschinen plötzlich die treibstoffsparenden Winglets auf den Flügeln. Durch die Winglets haben wir dann eine fast fünfprozentige Treibstoffersparnis verzeichnet, wodurch sich die Investition innerhalb von zwei Jahren wieder amortisiert hatte.

Alle sechs Boeing 767 wurden an einen amerikanischen Flugzeugteileverwerter verkauft. Sind die Maschinen bereits an ihr Lebensende gelangt?

Ich würde es eher als „am Ende der wirtschaftlichen Betriebszeit angekommen“ bezeichnen. Die letzten drei Flugzeuge sind im Durchschnitt 25 Jahre alt. Man hätte wirklich viel Geld in die Wartung stecken müssen, um sie weiter zu betreiben. Nicht zuletzt ist eine Boeing 787 im täglichen Betrieb beim Treibstoffverbrauch aber viel effizienter.

Der Boeing-767-Abschiedsflug am 1. Dezember ist bereits ausverkauft. Hätten Sie mit so einem großen Interesse gerechnet?

Ich bin verwundert, gleichzeitig freut es mich, dass ein so großes Interesse an der Boeing 767 noch besteht. Doch nicht nur das Interesse am Abschiedsflug freut mich, sondern auch das allgemeine Interesse der Medien, der Kollegen und des Vorstandes. Die Boeing 767 ist jenes Flugzeug, das am längsten in Österreich geflogen ist, das wird jedem jetzt erst bewusst. Das wird keine Boeing 787 oder 777 mehr schaffen.

Mich haben ehemalige Piloten und Techniker angerufen, die mich gefragt haben, wie sie einen Platz an Bord dieses letzten Fluges ergattern können. Dieses Flugzeug hat so viele Mitarbeiter in ihrer beruflichen Laufbahn begleitet. Da hängen einfach so viele Erinnerungen daran.

Werden Sie als Flottenchef den „Bussi & Baba“-Abschiedsflug übernehmen oder eine der letzten Maschinen persönlich nach Arizona überstellen?

Aktuell bin ich sowohl für den Fan-Flug als auch für den Überstellungsflug der letzten Boeing 767 eingeplant.

Gibt es schon einen Termin, wann die letzten beiden Maschinen nach Arizona überstellt werden?

Aktuell sind der 8. und der 15. Dezember für die Überstellung nach Amerika angepeilt.

Die zukünftige Langstreckenflotte der Austrian wird nur noch aus Boeing Dreamlinern bestehen. Wie lange dauert für die 767-Piloten die Umschulung auf die 787?

Wir sprechen von vier Wochen Theorie, vier Wochen 787-Flugsimulatortraining bei uns am Flughafen Wien und rund vier bis sechs Wochen Fliegen unter Aufsicht. Also rund dreieinhalb Monate von Beginn der Umschulung bis zum Fliegen ohne Fluglehrer. Aktuell haben bereits rund 65 Piloten diese Umschulung gemacht. Die Planungen dazu sind natürlich sehr komplex.

Und wie geht es für Sie persönlich als Pilot weiter? Sind Sie schon umgeschult?

Bei mir geht es am 11. Jänner mit dem Type-Rating auf die Boeing 787 los. Ich freue mich darauf, gleichzeitig ist dies für mich natürlich auch eine große Herausforderung.

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