Moscheen, katholische und orthodoxe Kirchen sowie jüdische Synagogen: In Sarajevo scheinen alle Religionen dieser Welt friedlich vereint. Doch so friedvoll, wie sich die Stadt heute ihren Besuchern präsentiert, war sie nicht immer.
Eine Ankunft in Sarajevo ist eine Ankunft in einer Stadt voller Geschichte - und zugleich in einer Stadt, die aktuell einen massiven touristischen Boom erlebt. Mit Zuwächsen von +12,7 Prozent bei den Ankünften und +34,6 Prozent bei den Übernachtungen allein im März des heurigen Jahres beweist Sarajevo, dass es aus der touristischen Landkarte nicht mehr wegzudenken ist.
Was macht den Charme Sarajevos aus? Die Stadt besticht nicht nur durch ihren kulturellen und architektonischen Reichtum sowie ihre osmanische, österreichisch-ungarische und ex-jugoslawische Geschichte. Auch die Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand - und der damit verbundene Ausbruch des 1. Weltkriegs - sowie die jüngere Kriegsgeschichte des rund 30 Jahre zurückliegenden Bosnienkriegs sind heute Teil der touristischen Auseinandersetzung mit der Stadt.
Ein Besuch in der rund 300.000 Einwohner zählenden Metropole zeigt aber auch, dass die Wunden des Krieges noch längst nicht verheilt sind. Schon auf der Fahrt vom rund 10 Kilometer entfernten Flughafen in die historische Altstadt mit ihrem großen Basar wird deutlich, dass die Spuren des Bosnienkriegs an vielen von Einschlägen gezeichneten Häuserfassaden auch nach mehr als 30 Jahren noch sichtbar sind.
Mein Besuch in Sarajevo beginnt daher mit gemischten Gefühlen: Einerseits berichteten italienische Medien wenige Tage vor meiner Abreise von bezahlten „Sniper-Menschensafaris“ reicher Westeuropäer während der 1425 Tage andauernden Belagerung durch die Armee der Republika Srpska, andererseits überschlagen sich Reiseberichte mit begeisterten Beschreibungen wie: „Osten trifft Westen, Tradition trifft Moderne - Sarajevo ist eine Stadt der Gegensätze, ein spannender Kulturmix und eine echte Überraschung!“
East meets West
Sarajevos Altstadt erkundet man am besten zu Fuß, denn die Distanzen zwischen den Sehenswürdigkeiten sind kurz. Zentraler Ausgangspunkt jeder Besichtigung ist der große orientalische Basar Bašaršija, der von zahlreichen Moscheen und dem im Jahr 1891 errichteten Sebilj-Brunnen geprägt wird. Der Brunnen mit seiner hölzernen Kioskform ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Der zentrale Platz ist sowohl bei Touristen als auch bei Einheimischen stets gut besucht und Ausgangspunkt vieler Stadtführungen.
Nur wenige Schritte entfernt beginnt der Basar mit seinen verwinkelten Gassen, Geschäften, Kunsthandwerk und einer Vielzahl an Restaurants und Cafés, in denen man auch den typischen bosnischen Kaffee genießen kann. Die Gazi-Husrev-Beg-Moschee aus dem Jahr 1530 ist nicht nur die älteste Moschee in Bosnien und Herzegowina, sondern bildet gemeinsam mit den umliegenden Museen und dem benachbarten Uhrturm das Zentrum der muslimischen Altstadt.
Wer tiefer in die Geschichte eintauchen möchte, dem sei eine der zahlreichen „Free Walking Tours“ empfohlen. Bei einem Rundgang mit unserem Stadtführer Adis durch die engen Gassen der Altstadt erfährt man viel Interessantes über Kunsthandwerk und Geschichte. Dabei bemüht sich Adis, einen möglichst neutralen Einblick in die kulturell bewegte Vergangenheit „seiner Stadt“ zu vermitteln.
Sarajevo gilt als Schmelztiegel der Kulturen. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das in der Ferhadija-Straße, wo im Boden eine Gedenktafel mit der Inschrift „Sarajevo - Treffpunkt der Kulturen“ eingelassen ist. Hier treffen tatsächlich zwei prägende Einflüsse aufeinander: der osmanisch-islamische Osten und der österreichisch-ungarisch-christliche Westen. Blickt man entlang der Straße nach Osten, sieht man Moscheen und den lebendigen Basar, Richtung Westen hingegen prägt Architektur im Stil der k.u.k.-Monarchie das Bild - ähnlich wie in Wien.
Sarajevo Roses
Nur wenige hundert Meter weiter entlang der Einkaufsstraße gelangt man zur Herz-Jesu-Kathedrale. Direkt davor erinnert ein in den Straßenboden eingelassenes Mahnmal - bekannt als „Sarajevo Roses“ - an die Schrecken der Belagerung. Während dieser Zeit wurde die Bevölkerung nicht nur durch Scharfschützen terrorisiert, sondern auch durch durchschnittlich 329 Granateneinschläge pro Tag.
Die Einschläge hinterließen charakteristische Muster im Asphalt, die an Blumen erinnern. Nach dem Krieg wurden diese „Blumen“ mit rotem Harz gefüllt - als Mahnmal für das unermessliche Leid. Schätzungen zufolge wurden zwischen 1992 und 1994 rund 11.000 bis 13.000 Menschen, darunter etwa 1.600 Kinder, allein in Sarajevo getötet, weitere 56.000 teils schwer verletzt.
Das alte Rathaus, die Vijecnica, im pseudomaurischen Stil am Ufer der Miljacka ist eines der bedeutendsten Bauwerke aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie. Am 20. April 1896 eröffnet, diente es lange als Rathaus und später als National- und Universitätsbibliothek. Im August 1992 wurde das Gebäude während des Krieges in Brand geschossen, wobei rund 90 Prozent des Bibliotheksbestands zerstört wurden. Nur wenige Gehminuten flussabwärts gelangt man zur Lateinerbrücke - jenem Ort, an dem Franz Ferdinand im Jahr 1914 ermordet wurde.
Olympische Winterspiele 1984
Sarajevo ist auch für die Olympischen Winterspiele bekannt, die vom 8. bis 19. Februar 1984 stattfanden. Rund 800.000 Besucher verfolgten die Bewerbe mit 49 Nationen. Aus österreichischer Sicht verlief die Olympiade mit nur einer Medaille enttäuschend, für die Stadt selbst war sie jedoch ein Prestigegewinn. Noch heute, mehr als 40 Jahre später, zeugen zahlreiche Anlagen von dieser Zeit - viele davon als stille „Lost Places“. Für ganz Jugoslawien war die Vergabe der Spiele damals eine Überraschung, setzte man sich doch gegen deutlich finanzstärkere Bewerber wie Göteborg oder Sapporo durch.
Nach dem Tod von Josip Broz Tito im Jahr 1980 stellte die Ausrichtung der Spiele einen letzten großen Kraftakt des Staates dar. Im Zuge der Vorbereitungen entstanden zahlreiche Sportstätten, darunter die Skisprungschanze am Berg Igman sowie die Bob- und Rodelbahn am Hausberg Trebevic.
Ein Ausflug in diese Regionen lohnt sich auch heute noch. Der rund 40 Minuten entfernte Igman bietet mit seinen Wäldern und Wiesen zahlreiche Möglichkeiten für Naturerlebnisse. Selbst bei meinem Besuch Mitte April lag in Teilen noch Schnee nahe der ehemaligen Schanzenanlage. Auf dem Weg dorthin passiert man das verlassene Hotel Igman - einst Unterkunft der Skispringer, heute eine imposante Ruine. Auch die Bobbahn am Trebevic, die bequem per Seilbahn erreichbar ist, zählt zu den bekanntesten „Lost Places“. Entlang der 1,3 Kilometer langen Strecke informiert ein „Education Trail“ über die Geschichte der Anlage, die im Krieg sogar militärisch genutzt wurde und heute Graffiti-Künstlern ein neues Betätigungsfeld bietet.
Auf dem Weg dorthin wechselt man übrigens vom Gebiet der Föderation Bosnien und Herzegowina in die Republika Srpska. Der Unterschied ist selbst für Besucher sofort sichtbar: Während im einen Teil bosnische Flaggen dominieren, prägen im anderen serbische Flaggen, kyrillische Schriftzüge und große Willkommensschilder das Bild.
Spätestens hier stellt sich die Frage, ob das Dayton-Abkommen von 1995 tatsächlich nur den Krieg beendet hat - oder ob es langfristig auch eine gemeinsame Zukunft ermöglicht.
Hoffnung Jugend
Ein Lichtblick sind die jungen Menschen der Stadt. Mehrfach durfte ich bosnische Gastfreundschaft erleben, eine Szene ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Als eine Reisegruppe eine stark befahrene Straße überqueren wollte, stoppte ein junger Taxifahrer und ließ alle passieren.
Danach kurbelte er sein Fenster herunter und rief den Touristen zu: „Enjoy Sarajevo!“
In der Jugend liegt die Zukunft. Vielleicht gelingt es ihr, über ethnische und politische Grenzen hinweg an einem gemeinsamen Bosnien zu arbeiten.
Reisetipps
Anreise: Austrian Airlines verbindet Wien zweimal täglich mit Sarajevo. Buchungen unter www.austrian.com.
Free Walking Tours: Sarajevo Tours with Adis bietet zweimal täglich Führungen durch die Altstadt mit zahlreichen Einblicken an. Die Touren sind kostenlos, Trinkgelder ab rund 10 Euro pro Person sind jedoch üblich. Weitere Informationen unter www.touristguide-sarajevo.com.
Hotel: Klein, aber fein: Das Hotel Sana liegt nur rund 150 Meter vom Sebilj-Brunnen entfernt und bietet günstige Preise sowie ein ausgezeichnetes Frühstücksbuffet.
Restaurants: Die bosnische Küche ist ausgezeichnet. Das Restaurant Dveri inmitten der muslimischen Altstadt Sarajevos bietet zahlreiche lokale Spezialitäten an, jedoch keine Cevapi. Diese finden sich im Familienbetrieb Ferhatovic, der über mehrere Standorte verfügt. Weitere Informationen unter www.dveri.co.ba und www.ferhatovic.ba.























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